Manfred Kyber - Freundschaft

Am Ufer des Zuger Sees saß ein armer Korbflechter und flocht seine Körbe. Er konnte sonst nichts weiter als diese Körbe flechten und sein kleines Haus betreuen, in dem er einsam mit seinem Hund lebte — es war ein grauer Spitz, unscheinbar wie sein Herr, aber voller Aufmerksamkeit für dessen Arbeit und immer freundlich und geneigt zur Unterhaltung. Denn der Korbflechter unterhielt sich mit seinem Hunde und sprach mit ihm, wie man mit einem Menschen spricht. Die Leute fanden das sonderbar und sagten, daß der Mann ein wenig einfältig wäre. Vielleicht war er das, vielleicht aber war er sehr klug, denn mit den Menschen sprach er fast gar nicht. Es hätte auch keinen Zweck gehabt; denn die anderen Leute waren alle so überaus vernünftig, und darum glaubten sie es nicht, was der Korbflechter erzählte. Denn er sah vieles, was die anderen nicht sehen konnten. Einige meinten, er wäre hellsichtig, aber sie lachten darüber. Es war besser mit dem Spitz zu reden, der verstand immer, was der Korbflechter sagte, und er war auch immer der gleichen Meinung. Sie waren sehr gute Freunde, und einer hielt viel vom anderen. Auch darüber lachten die Leute. Die Körbe aber kauften sie, denn es war gute und sehr sorgsame Arbeit und oft überaus kunstvoll geflochten. Nur war es seltsam, daß der Korbflechter nur immer die gleichen Muster flechten konnte, und daß diese Muster stets an die Zeichnungen der Pfahlbauzeit erinnerten, das war noch seltsamer. Man kannte ja diese Zeichnungen aus dem Museum in Zürich. Der Korbflechter freilich hatte sie niemals gesehen, denn er war nicht in Zürich gewesen und hatte seine kleine Heimatstadt nie verlassen. Wenn aber jemand ein anderes Muster von ihm haben wollte, dann schüttelte er den Kopf und flocht doch wieder die alten. Und so gewöhnte man sich daran.

Es war am Nordufer des Sees, wo man die starren Häupter von Rigi und Pilatus sieht und in der blauen Ferne die Schneekronen der Berner Berge. In der Nähe des Korbflechters arbeiteten mehrere Archäologen an einer Ausgrabung, wie sie der See schon mehrmals aus seinem geheimnisvollen Schoß herausgegeben hatte. Sonst war es still und menschenleer, auch die Vögel schwiegen in den Bäumen, unbeweglich lag der klare Wasserspiegel und vom Zuger Zeitturm schlug die Mittagsstunde.

Zwölf Uhr mittags ist eine geheimnisvolle Stunde. Es ist, als wäre etwas Altes abgelaufen, als stehe die Zeit still und warte auf etwas Neues, auf irgendein Wunder, das auf schimmernden Schwingen durch den stillen Sonnenfrieden gleiten müsse. Es war ein Warten in allem, was lebt, ein Warten auf etwas, das man nicht kennt, das aber sehr schön und sehr wunderbar sein muß und anders, ganz anders als das ganze andere Leben. Es ist eine sehr geheimnisvolle Stunde, man muß nur in ihr lesen können. Das können nur sehr wenige Menschen, und wer es kann, über den lachen die Leute. Es ist schade drum, die Welt wäre besser und glücklicher, wenn die Menschen in der Mittagsstunde lesen könnten.

Der Korbflechter ließ seine Arbeit sinken und sah weit hinaus auf den klaren Wasserspiegel, der in der Sonne blitzte. Wob die Sonne nicht Bilder im Wasserdunst, trug der leise, kaum merkbare Wind nicht Worte herüber aus einer alten Zeit? War es überhaupt heute, war es nicht gestern, war es nicht viele tausend Jahre her, daß dieses Gestern war? Der Korbflechter sah weit hinaus, mit fernen, erdfremden Augen, und seine Hand flocht das gewohnte Muster, das alte, immer geübte, mit sehr einfachen Zeichen. Eine seltsame Sehnsucht klang in seiner Seele.

Siehst du, Spitz, wie der Kahn geschwommen kommt über den stillen See? Siehst du, wer darin sitzt? Das sind du und ich. Es ist ein Einbaum, aus einem Stamm gehöhlt mit Feuerbränden und einem Stein. Es ist ein schöner Nachen, und es sitzt noch jemand drin, erkennst du sie, die Frau mit den langen, nachtdunklen Haaren? Wir gehörten zusammen, aber sie ist nun woanders. Ich habe sie nie gesehen in diesem Leben, aber meine Seele sucht sie. Nur wir beide sind zusammengeblieben, nicht wahr, Spitz. Kannst du sehen, wie sie den Kahn langsam vorwärts treibt? Du bist in der Mitte und ich sitze unten und flechte einen Korb zum Fischfang. Das konnte ich damals schon — es sind auch die selben Muster darin wie heute. Du hattest rauhere Haare, Spitz, und warst ein wenig größer.

Der Spitz wedelte und sah sehr klug zu seinem Herrn auf. Natürlich war er der gleichen Meinung.

Der Kahn treibt vorwärts, er kommt in eine Strömung, wir sind nun gleich zu Hause. Siehst du, dort ist unser Haus, auf den großen Pfählen, wo jetzt die klugen Gelehrten stehen und suchen. Aber sie sehen das Haus nicht, und dabei ist es doch Mittag, und man kann drin lesen, wenn's Mittag ist. Es ist ein schönes Haus und so viel Frieden darin und ringsum die Wälder und Berge. Die Sonne scheint auf die nackten Glieder, es ist so herrlich zu leben, viel schöner als es heute ist. Wie das Wasser leise an den Kahn schlägt, als sänge es etwas — jetzt winken und rufen sie vom Hause…

Der Spitz stand auf und schmiegte sich unruhig an.

Aber was rufen sie? Es ist vorbei mit dem Frieden, Spitz. Sie zeigen auf den Wald, es blitzt von Waffen auf, und die welche kommen, sind anders als wir. Sie haben glänzende Äxte und Schwerter, und wir haben nichts als Waffen von Stein. Es ist eine neue Zeit, und die Mittagsstunde ist vorüber. Sieh nicht mehr hin, Spitz, sie erschlagen uns alle, es ist gräßlich. Ach, die arme schöne Frau mit den nachtdunklen Haaren! Nun sind wir die Letzten, Spitz, du und ich, aus unserem zerstören Hause. Aber lassen wir nicht voneinander, wir stehen zusammen, wir sind ja Freunde.

Der Hund knurrte und stellte sich mit gesträubten Haaren vor seinen Herrn.

Der Stoß galt dir, Spitz, aber ich habe ihn aufgefangen. Der Schlag galt mir, aber du hast sich vor mich geworfen. Nun sterben wir beide, Spitz. Ach, es ist lange her, und wir waren damals glücklicher als heute. Aber wir sind auch heute noch zusammen, und wir sind wieder hier, wo wir damals waren, ist das nicht sonderbar, Spitz? Aber es ist gut so, daß wir zusammen sind, wir bleiben auch hier wieder, was wir einmal waren. Nun ist es aus, und die Mittagsstunde ist vorüber, wie sie es damals war, als unser Haus ganz zerstört wurde.

Der Korbflechter legte den Arm um den Hund und streichelte ihn. Der See lag reglos in der Mittagsglut, Rigi und Pilatus reckten die starren Häupter in die blaue, klare Luft, und von ferne leuchteten die weißen Kronen der Berner Berge — wie vor vielen tausend Jahren.

Die Archäologen waren sich klargeworden.

Es ist eine interessante Berührungsfläche der neolithischen Periode mit der ersten Bronzezeit, offenbar durch einen Überfall verursacht, sagte der eine, besonders wertvoll hier sind auch die Knochen des Torfhundes, canis familiaris palustris, der hier bereits als Gefährte des Menschen festgestellt werden kann. In dieser Vereinzelung weist er, scheint es, auf seine Zugehörigkeit zur zerstörten Niederlassung des primitiveren Volksstammes hin. Ein großes Stück Kulturgeschichte auf einem kleinen Raum…

Hörst du, Spitz, was sie erzählen? sagte der Korbflechter zu seinem Hunde, es ist ein großes Stück Kulturgeschichte, meinen sie, und sie werden es wissen, denn es sind ja gelehrte Herren. So wird es wohl ein Stück Kulturgeschichte sein — aber nicht wahr, Spitz, wir wissen es besser, es ist noch mehr als das, es ist die Geschichte einer Freundschaft!

 

Aus: Das Manfred Kyber Buch, Rowohlt, Dezember 1985
Veröffentlicht auf: manfred-kyber.textstrom.de

Textversion: 2005-10-08 (a)